Schneckenkorn und Taubengift zum 9. November: Sind nur Antisemiten antisemitisch?

Stellungnahme der Antifaschistischen Initiative Freiburg zur Karikatur des Horst Haitzinger (erschienen in der Badischen Zeitung am 9.11.2013) anlässlich der Atomverhandlungen mit dem Iran.
Karikatur

Die Friedenstaube schleicht sich quälend langsam zum Ziel, nämlich einer „Iran-Atom-Lösung“, was auch immer sich der Karikaturist darunter vorstellte. Um die Langsamkeit der Verhandlungen zu verdeutlichen, stellt er die Botschafterin des Friedens als Schnecke mit Taubenkopf dar.
So weit so gut: Die politischen Prozesse im Nahen Osten haben für die wenig über Details informierte Öffentlichkeit tatsächlich etwas Langweiliges, Repetitives: Das gefühlte Schneckentempo mit dem es „voran“ geht lässt sich so gut darstellen. Immer mal wieder gibt es eine Konferenz, aber aus irgend einem Grund einigen „die“ sich nie. Der Karikaturist Horst Haitzinger aber, der weiß warum das so ist: Missbilligend beäugt der Israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu das sich mit angestrengter Miene voranquälende Mischwesen und fordert über sein Telefon „Taubengift und Schneckenkorn“ an. Und hier fängt Antisemitismus an.
Das antisemitische Ressentiment scheint zunächst in der Bildsprache auf: Israel ist ein jüdischer Staat und Benjamin Netanjahu ist dessen Regierungschef. Die Darstellung von Juden als Giftmischern ist unter den antisemitischen Illustrationen gleichsam ein Klassiker. Ist es dennoch Zufall, dass Netanjahus unterstellter Versuch, die Atomgespräche mit dem Iran zu sabotieren genau so dargestellt wird, wie es der stellvertretende Chefredakteur der Badischen Zeitung Fricker behauptete? Die Antwort ist: Vielleicht – aber höchstwahrscheinlich nicht. Denn welche Bilder wir wählen, welche kreativen Eingebungen wir haben, ist keineswegs völlig zufällig, auch wenn es sich so „anfühlt“. Bildsprache, literarische Klischees und Topoi werden – genau wie die Muttersprache – nicht bewusst gelernt wie die Vokabeln einer Fremdsprache, sondern unbewusst aus der uns umgebenden Gesellschaft aufgesogen. Aus diesem Grund sagen Menschen häufig Dinge, die sie sich selbst gar nicht explizit klar gemacht haben. Ganze Wissenschaftszweige – zum Beispiel Literaturwissenschaft und Psychologie – beruhen auf dieser Erkenntnis. Den Regierungschef des jüdischen Staates als Giftmischer darzustellen ist die Verwendung eines antisemitischen Klischees, unabhängig davon, ob dies die Intention des Zeichners war. Entsprechend geht das Argument, dass die Beschriftung „Netanjahu und Co.“, einfach nur die gegenwärtige israelische Regierung bezeichnen soll und das Wort „Juden“ dem Zeichner nie in den Sinn kam, schlicht am Sachverhalt vorbei: Wir alle sind durchaus in der Lage aus der Gesellschaft übernommene Stereotype, Ressentiments und Vorurteile zu reproduzieren, deren wir uns nicht bewusst sind. Dass (mindestens) dies bei Haitzinger der Fall war, als er die Karikatur zeichnete, ist die These die hier vertreten werden soll – nicht mehr aber auch nicht weniger.
Es ist nicht die Absicht dieses Textes Horst Haitziger als heimlichen unbelehrbaren Judenhasser zu entlarven. Fragte man ihn, ob er ein Problem mit Juden habe, würde man wahrscheinlich ein überzeugtes und völlig ehrlich gemeintes „Nein“ zur Antwort erhalten. Doch die Frage, ob Haitzinger ein Antisemit ist lässt sich bestenfalls spekulativ beantworten und lenkt die Diskussion in eine völlig falsche Richtung: Anstatt sich mit der tieferen Psyche eines Karikaturisten zu beschäftigen sollte gefragt werden, ob dessen konkrete Zeichnung antisemitisch ist. Es sollte darum gehen, was jemand gesagt oder getan hat, nicht was jemand ist. Es ist Ausdruck der Schieflage der öffentlichen Debatte um solche Entgleisungen, dass diese Unterscheidung nicht vorgenommen wird. Dies mag ein Effekt der Dämonisierung des Antisemitismus sein: Anstatt ihn sozialwissenschaftlich zu betrachten wird er als schlechthin böses, unerklärliches Phänomen mystifiziert, an dem es nichts zu verstehen, sondern nur zu verurteilen gibt. Mit einem bekennenden Antisemiten will links der NPD nun wirklich niemand etwas zu tun haben. Antisemitismus ist etwas, was man niemandem zutraut, der nicht sofort als moralisch völlig verkommene Person erkennbar ist. Auf jeden Fall kann der tägliche Karikaturist in der morgendlichen Zeitung genauso wenig dieses Vorwurfs schuldig sein, wie der Nobelpreisträger, der die Blechtrommel geschrieben hat. Der Antisemitismus, eine prägende Entwicklung der kapitalistischen Moderne, kann sich so nicht trotz, sondern aufgrund seiner vermeintlichen völligen Tabuisierung ungestört verbreiten: Er wird schlichtweg nicht mehr erkannt, wenn er in einer anderen Form erscheint als den wüsten Tiraden von Joseph Goebbels.
Dabei bedient Haitzingers Karikatur gleich ein ganzes Bündel von antisemitischen Stereotypen, wie sie bei allen Themen, die Israel tangieren mit größter Regelmäßigkeit auftauchen und die sich mit Hilfe der „drei Ds“ aufzeigen lassen: Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung. Bei genauer Betrachtung der Karikatur werden vor allem die ersten beiden deutlich erkennbar:
Der israelische Premier wird eben nicht für eine Fehleinschätzung der politischen Situation angegriffen, sondern ihm wird nachgesagt, dass sein Ziel der Giftmord am Frieden als solchem ist. In Haitzingers Karikatur ist das einzige Handlungsmotiv des israelischen Regierungschefs die kategorische Ablehnung des „Friedens“, also eines Konzepts, das universell als gut gilt – anders kann sein Mordkomplott gegen die „Friedensschnecke“ nicht gedeutet werden. Wenn dies keine Dämonisierung ist, ist dieses Wort bedeutungslos. Die Möglichkeit, dass die Ablehnung eines Vertrags mit dem Iran – denn das war der Auslöser für die Karikatur – einen anderen Hintergrund haben könnte, als nackte Kriegsgeilheit und Boshaftigkeit wird, erscheint hingegen nicht. Dass Netanjahus Handeln sich beispielsweise aus Bedenken bezüglich Israels nationaler Sicherheit erklären lässt, auf die der Regierungschef eines bürgerlichen Staates normalerweise einen Amtseid zu leisten hat, fällt so unter den Tisch.
Womit wir bei den Doppelstandards wären: Medienberichten zufolge war die Israelische Reaktion auf den Vertragsabschluss, das Abkommen als „historischen Fehler“ zu bezeichnen. Die Aussage ist nach diplomatischen Standards harsch und dürfte in den USA als zu Recht als deutliche Kritik angekommen sein. Worin sich die Aussage der israelischen Regierung aber von denen arabischer Regierungen, die den Deal ebenfalls als gefährlich und verantwortungslos ablehnten, unterscheiden soll, bleibt das Geheimnis des Karikaturisten Haitzingers. Jedenfalls bleibt festzustellen: Die einfache Äußerung, einen konkreten Vertrag in seiner gegenwärtigen Form abzulehnen wird einzig Israel, nicht aber dessen ebenfalls über die iranischen Großmachtsbestrebungen besorgten arabsichen Nachbarn, als heimtückischer Mordversuch am Frieden ausgelegt.
In einer Welt ohne Antisemitismus wäre Haitzingers Zeichnung nicht judenfeindlich. In einer Welt wie der unseren jedoch, in der seit über anderthalb Jahrhunderten negative Phänomene der kapitalistischen Moderne mit dem Wesen der Juden erklärt werden und sich hierfür kommunikative Konventionen herausgebildet haben, ist die Karikatur eines von vielen Beispielen dafür, dass der Hass auf die Juden niemanden braucht, der sagt, dass er die Juden hasst.

Antisemitismus entgegentreten!
Für den Kommunismus!