Das war wohl nichts. warum wir bei der „Freiheit stirbt mit Sicherheit“-Demo lieber früher nach Hause gegangen sind.


Wir hatten mit unseren FreundInnen von der Anarchistischen Gruppe Freiburg zur Teilnahme an der „Freiheit stirbt mit Sicherheit“-Demo aufgerufen. Auf dem Weihnachtsmarkt angekommen freuten wir uns sehr, dass so viele Menschen ebenfalls den Weg zu der Demonstration gefunden hatten. Nach dem offiziellen Auftakt der Demonstration war es mit der Freude allerdings schnell vorbei: Die Demo wurde mit einem Redebeitrag eröffnet, der inhaltlich und rhetorisch das Prädikat unterirdisch verdient. Die Rede wirkte stellenweise schlicht wirr und darüber hinaus übte sich der Vortragende in ökonomisch unsinniger und verkürzter Kritik und glitt in verschwörungstheoretische Ausführungen ab, welche für uns schlichtweg nicht tragbar waren. Zunächst distanzierten wir uns, indem wir spontan einen eigenen Block am Ende des Demozuges bildeten. Als die Demonstration am Bertoldsbrunnen angelangte, wurde deutlich, dass viele von uns keine Lust auf eine weitere Teilnahme hatten.1 Die programmatische Eröffnung war schlichtweg mit unseren Positionen völlig unvereinbar und führte unser Banner mit der Aufschrift „Kapitalismuskritik statt Spekulantenschelte“ zu einem gewissen Maß ad absurdum.

Es bestand darüber hinaus Unklarheit, ob die Rede im Namen der Demoorganisation gehalten worden war oder ob es sich um den Beitrag einer Gruppe oder Einzelpersonen handelte.
Der Wortbeitrag, der uns störte, ist momentan noch nicht im Internet dokumentiert, deshalb können wir keine Garantien für den genauen Wortlaut übernehmen: Der Redner sprach jedoch grundsätzlich von „den Herrschenden“, welche „Krämerseelen“ seien und in den „Hinterzimmern der WTO“ Entscheidungen über unser Leben fällten.
Unser Verständnis der kapitalistischen Moderne steht diesem Bild diametral entgegen: Sie ist von subjektloser Herrschaft geprägt, in der alle Individuen die Verhältnisse stets selbst reproduzieren. Wir empfanden den Duktus der Rede als verschwörungstheoretisch und hatten den Eindruck, sie stellte die zu Recht angeprangerten menschlichen Katastrophen im Kapitalismus als das böswillige Verschulden von identifizierbaren Einzelpersonen dar. Eine solche Kritik geht nicht nur am Kern des Problems vorbei, sie leistet auch einer gefährlichen Suche nach Sündenböcken Vorschub.
Des weiteren wurde unserer Meinung nach die Außenwirkung der Demonstration durch den Charakter der Rede geschädigt und eine Chance wichtige Anliegen im öffentlichen Diskurs zu platzieren blieb ungenutzt.

Wir verstehen alle, die dennoch an der Demonstration teilgenommen haben und hoffen ihr seid sicher nach Hause gekommen. Wir hoffen zudem eventuelle Unklarheiten bezüglich unseres Verhaltens geklärt und zum Nachdenken angeregt zu haben.

Unsere Solidarität gilt in diesen Tagen der räumungsbedrohten Roten Flora in Hamburg und wir rufen zur Teilnahme an der Demonstration „Flora bleibt unverträglich“, am 21.12.2014 um 14 Uhr an der Roten Flora in Hamburg, auf.

  1. Wir möchten betonen, dass wir die Demo zu diesem Zeitpunkt nicht wegen des sehr guten Redebeitrags der „Aktion Bleiberecht“ verließen und wir hoffen, dass dieser Eindruck nicht entstanden ist. [zurück]