Archiv für Februar 2014

Kundgebung gegen Antisemitismus mit 60-70 Teilnehmer*innen

Am Abend des 20. Februar versammelten sich unserem Aufruf folgend 60-70 Menschen aus unterschiedlichen politischen Spektren, um als Reaktion auf die wiederholte Beschädigung des Wiwili-Mahnmals ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen.
Im Verlauf der Kundgebung hielten wir einen Redebeitrag und verteilten Flyer an vorbeilaufende Passant*innen. Im Folgenden wollen wir den Redebeitrag in schriftlicher Form dokumentieren und den Flyer als Download zu Verfügung stellen.

wiwili

„In den frühen Morgenstunden des 22. und 23. Oktober 1940 zwangen die Gestapo mit Hilfe der örtlichen Polizei die in Freiburg lebenden Juden und Jüdinnen ihre Wohnungen zu verlassen. Nicht mehr als eine Stunde blieb den Familien ihre Habseligkeiten zusammen zu packen. Die Anweisungen waren klar formuliert: auch Säuglinge mit ihren Müttern, Kinder, Greise aus dem Altersheim und selbst gehfähige Schwerkranke gehörten dazu. Wer nicht gehen wollte wurde von den Beamten gezwungen. Mit Hilfe von Lastwagen wurden diese dann zu zentralen Sammelstellen, unter anderem der Annaplatz in der Wiehre oder die Hebelschule im Stühlinger, transportiert und von dort aus mit Güterzügen zusammen mit weiteren 6150 Juden und Jüdinnen aus Südwestdeutschland nach Gurs, Frankreich, deportiert. Auf Grund der miserablen hygienischen Bedingungen starben gut 1000 der Insassen, wer überlebte wurde von der Gestapo ab März 1942 nach Auschwitz verschleppt.
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Auf nach Pforzheim, 23.2.2014 12:45 Gleis 2

Am 23.2.2014 wird in Pforzheim von Neonazis um den „Freundeskreis ein Herz für Deutschland“ ,wie jedes Jahr, zu einer Kundgebung mobilisiert. Sie wollen an die Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber am 23.2.1944 erinnern. Paralell dazu finden auch von offizieller, städtischer Seite ein sogenanntes Gedenken an diesen Angriff statt. Folgerichtig schrieb die ehemalige Gruppe antifa 3.o in ihrem Text „65 Jahre nach den Bombern“:

„Dass dem bis 2001 amtierenden Pforzheimer Bürgermeister Joachim Becker nur „Wolken über dem Primärziel Ruhrgebiet“ als Ursache für den Luftangriff auf Pforzheim einfallen, passt zu den Erinnerungsgewohnheiten der Stadt Pforzheim.10 Im Stadtbild finden sich Tafeln, auf denen die zerstörte Stadt nach dem Luftangriff abgebildet ist. Mit der spanischen Stadt Guernica – im Spanischen Bürgerkrieg von der deutschen Luftwaffe bombardiert – pflegt die Stadt Pforzheim eine Städtepartnerschaft. Aussage: Im Grunde sind wir alle nur Opfer. Diesen Eindruck vermittelt auch das bürgerliche Gedenken an die Bombardierung, das seit 1946 kontinuierlich und unter Teilnahme von mehreren hundert Menschen stattfindet.11 Seit 2003 ist der 23. Februar offizieller Gedenktag der Stadt, geboten wird ein tagesfüllendes Programm. Begonnen wird mit kollektivem Trauern auf dem Friedhof, im Anschluss gibt es Gottesdienste und Lesungen. „Den siebzehntausend Opfern des 23. Februar“ steht auf dem Denkmal auf dem Hauptfriedhof und um nichts anderes geht es hier.12 Fakten, wie zum Beispiel das Wahlergebnis von 1933, bei dem 57,5% der Pforzheimer Wahlberechtigten die NSDAP wählten13, zählen hier nicht.14 Stattdessen wird der Weltkrieg weitestgehend als unpolitisches Ereignis dargestellt und die Tränendrüsen sollen mit packenden Geschichten von überlebenden Opfern stimuliert werden. Äußerst gerne wird die Versöhnung mit den von der deutschen Luftwaffe zerstörten Städten Coventry und Guernica betont, ebenso werden die Opfer des Nationalsozialismus mit den Opfern der Bombardierung Pforzheims in einen großen Opfertopf geworfen. Abstrakt verantwortlich gemacht werden zum Beispiel „Gewaltherrschaft“, „das Böse“, „Willkür“ oder „Menschenverachtung“. Wer damit gemeint ist, bleibt meist unklar. So können sich alle selbst aussuchen ob sie das lieber auf die Alliierten beziehen wollen, „die Nazis“, oder ganz besonders einfach, auf den damaligen Zeitgeist. Die Pforzheimer Opfermythen, deren Ursprünge auf die NS-Propaganda zurückgehen, wurden bis heute aufrecht erhalten. In ihrem Kern berufen sich alle auf die vermeintliche „militärische Sinnlosigkeit“ der Bombardierung und als vermeintlich sinnlos bombardierte Stadt steht Pforzheim nicht alleine da.“
vollständiger Text: https://linksunten.indymedia.org/de/node/16465

Wir rufen dazu auf an diesem Tag nach Pforzheim zu fahren und die beiden geschichstrevisionistischen Veranstaltungen zu stören! Gemeinsame Abfahrt Sonntag 23.2.2014, 12:45 am Freiburger Hauptbahnhof, Gleis 2. (Abfahrt 13:07)

Antisemitische Beschädigung des Wiwili Mahnmals

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ACHTUNG!
Der Termin der Kundgebung gegen Antisemitismus wurde um einen Tag auf Donnerstag, den 20.02. um 19 Uhr, VORVERLEGT. Damit wollen wir dem auf uns zugetragenen Wunsch nachkommen, die Kundgebung nicht während des Shabbats stattfinden zu lassen.
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Zum wiederholten Male(1) wurde das Mahnmal auf der Wiwili-Brücke, welches an die Deportation der Freiburger Jüdinnen und Juden am 22.10.1940 erinnert, gezielt beschädigt. Nach den antisemitischen Schmierereien Ende November zerkratzen Unbekannte im Laufe der letzten Woche den auf dem bronzenen Mantel abgebildeten Davidstern. Im historischen Nationalsozialismus mussten Jüdinnen und Juden in Öffentlichkeit diesen als „Erkennungszeichen“ tragen. Der Davidstern ist heute nicht nur ein Symbol für das religiöse Judentum sondern auch Teil der offiziellen israelischen Staatsflagge. Somit ist es, ebenso wie Ende November, unklar aus welchem genauen politischen Hintergrund die Beschädigung entstanden ist. Doch unzweifelhaft steht fest, dass es sich um eine Geste des Hasses auf Jüdinnen und Juden handelt. Waren die Schmierereien noch relativ leicht zu entfernen ist das Mahnmal nun dauerhaft beschädigt.

Während die lokale Presse keine Kosten und Mühen scheut im Trümmerhaufen der Freiburger Stadtgeschichte zu wühlen und den alliierten Luftangriff auf Freiburg noch bis auf den letzten Tropfen deutsch-revisionistischen Selbstmitleids auspresst(2), gab es für die antisemitischen Schmierereien nur eine kleine Randnotiz(3). Auch sonst fällt die Badische Zeitung in diesem Kontext nur negativ auf. Nach Veröffentlichung einer antisemitischen Karikatur wählte das Simon-Wiesenthal-Center den Beitrag des Provinzblattes (gemeinsam mit denen anderer Zeitungen, wie etwa der SZ) auf Platz sieben ihrer Top Ten Liste antisemitischer/ antiisraelischer Schmähungen 2013(4). Auch die mehrmalige Hofierung des Holocaustrelativierers und völkischen Antisemiten Gilad Atzmon durch das Café Palestine findet keinerlei kritische Erwähnung(5). Auch über die Badische Zeitung hinaus rief die Beschädigung des Mahnmals für die deportierten Jüdinnen und Juden Freiburgs keine weiteren Reaktionen hervor. Nur die jüdische Gemeinde Freiburg veröffentlichte eine kurze Pressemitteilung in welcher sie ihre Betroffenheit zum Ausdruck brachte.

In unseren Augen ist es nicht hinnehmbar, dass das Mahnmal an die schwärzeste Zeit der Freiburger Stadtgeschichte Angriffen dieser Art ausgesetzt ist. So etwas passiert nicht aus heiterem Himmel sondern ist Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Wenn selbst die bürgerliche Friedrich Ebert Stiftung zu dem Resultat kommt, dass 10 Prozent der deutschen Bevölkerung ein geschlossenes antisemitisches Weltbild vertreten, bzw. 30 Prozent latent antisemitisch wären(6), dann kann es nicht überraschen wenn auf Worte regelmäßig Taten folgen.
Es ist außerdem beschämend, dass die jüdische Gemeinde mit diesen Vorfällen alleine gelassen wird.
Deshalb rufen wir dazu auf, am Donnerstag um 19:00 Uhr mit uns auf die Wiwilibrücke zu kommen und ein entschlossenes Zeichen gegen Antisemitismus, die virulenteste und brandgefährliche Krisenideologie der kapitalistischen Moderne, zu setzen. Wir fordern darüber hinaus die Stadt Freiburg auf, den Schaden am Denkmal unverzüglich zu beheben.

1: http://aif.blogsport.de/2013/11/25/antisemitische-schmierereien-auf-der-wiwili-bruecke-in-freiburg-aufruf-zu-einer-kundgebung-gegen-antisemitismus-am-26-11-2013-um-19-uhr-auf-der-wiwili-bruecke/

2: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/aufruf-ich-will-mich-erinnern-dass-ich-nicht-vergessen-will

3: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/judenfeindliches-geschmier-an-mahnmal--77691873.html

4: http://www.ruhrbarone.de/simon-wiesenthal-center-liste-der-top-ten-der-antisemitischen-antiisraelischen-schmaehungen-2013-veroeffentlicht

5: http://thementage.blogsport.de/images/flugblatt_atzmon.pdf
6: http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/ergebnisse_mitte_studie_2012.pdf

Syrien – Katastrophe ohne Ende?

Drei Jahre nach Ausbruch des “Arabischen Frühlings”

Vortrag und Diskussion mit Thomas von der Osten-Sacken

Freitag, 7. März 2014, 19 Uhr
Universität Freiburg, KG I, HS 1098

Vor drei Jahren war die Hoffnung groß: Plötzlich fanden sich Teile der arabischen Gesellschaft nicht mehr mit den autoritären Regimen im Nahen Osten zusammen, um Israel- und USA-Fahnen zu verbrennen, sondern richteten ihren Zorn gegen die eigenen Herrscher*innen. Es roch nach Aufbruch. Langjährige Diktatoren wurden gestürzt, so in Tunesien, Ägypten und Libyen. Auch in Syrien schien es einem blutrünstigen Henker endlich an den Kragen zu gehen. Doch das Assad-Regime hält sich bis heute mit unvorstellbarer Brutalität an der Macht, die Menschen leiden unter einem furchtbaren Bürgerkrieg, dem nicht nur Zehntausende aus der Zivilbevölkerung zum Opfer fallen, sondern der auch unzählige Islamist*innen ins Land lockt. Während Russland, der Iran und die Hizbollah das Assad Regime mit Geld, Waffen und Kämpfern stützt, lässt der Westen die demokratische Opposition im Stich.
Der Überblick fällt zunehmend schwer. Wer sind und was wollen die verschiedenen Akteur*innen? Wer kämpft gegen wen? Welche internationalen Interessen treffen in dem Konflikt aufeinander? Wie ist das Agieren Russlands, des Iran, der USA einzuschätzen? Welche Bedeutung hat das alles für Israel? Haben die Menschen in Syrien noch Aussicht auf den Sturz des Regimes? Und ist überhaupt noch etwas übriggeblieben vom „arabischen Frühling“? Ist die Hoffnung auf mehr Demokratie und Emanzipation in Syrien und der arabischen Welt vergeblich?

Thomas von der Osten-Sacken ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation Wadi e.V. und als solcher seit über 20 Jahren regelmäßig im Nahen Osten unterwegs. Außerdem ist er freier Publizist und schreibt u.a. für die Jungle World und die Welt.

Veranstaltet von:
Antifaschistische Initiative Freiburg
Informationszentrum Dritte Welt
LAK Shalom Baden-Württemberg der Linkjugend [‘solid]
Referat gegen Faschismus

Facebook-Veranstaltung