70 Jahre Bomben auf Freiburg

Am 27. November 2014 jährt sich zum 70. Mal der Luftangriff auf Freiburg durch die Royal Air Force. Dies dient dem Rombach-Verlag zum Anlass, einen Gedenkband für die Getöteten des Angriffs herauszugeben. Die Freiburger Bevölkerung wird dazu aufgerufen, Namen und andere Informationen zu Getöteten und Vermissten an den Verlag zu senden. Das selbst erklärte Ziel dessen ist es, eine möglichst vollständige „Opferliste“ des Angriffs zu erstellen und diese in einem Gedenkband zu illustrieren.

Der Gedenkband und die Initiatorin Carola Schark

Eine der engagiertesten Fürsprecherinnen und Organisatorinnen dieses Vorhabens ist die freie Mitarbeiterin der Badischen Zeitung Carola Schark.1 Seit Jahren publiziert sie in der BZ vor allem zu dieser Thematik, hält Vorträge und gibt Stadtführungen. In ihrem neuesten Beitrag mit dem Titel „Luft-Angriff auf Freiburg: ‚Ich will mich erinnern, dass ich nicht vergessen will‘“2 vom 5. Februar 2014 wirbt sie erstmals für das geplante „Gedenkbuch“, das an einen „der schwärzesten Tage der Freiburger Stadtgeschichte“3 erinnern soll. Wichtig ist ihr die persönliche Form, die der Band erhalten soll, wofür Geschichten, „welche die Persönlichkeit des Genannten erlebbar machen“, gesucht werden. Mit ihren genannten Beispielen „war Stadtrat und engagiert für Soziales“ sowie „war blond und spielte gerne Ball“ entwirft sie ein Bild unschuldiger Opfer und bewundernswerter Menschen. Ende November 2013, als Schark, noch ohne Unterstützung des Rombach-Verlags, auf der Suche nach Namen von Getöteten der Luftangriffe war, stellte sie in der BZ fest: „Und hinter jeder Zahl steht ein Menschenleben, jede Ziffer birgt ein Schicksal.“4 Schon zum Jahrestag der Bombardierung 2010 veröffentlichte Schark in der Badischen Zeitung einen Text über das „Schicksal“ der durch den Luftangriff getöteten Freiburger*innen.5 Mit dem bestenfalls geschmacklosen Vergleich, dass sich „durch die Hitze in den Kellern […] oft Vorgänge wie in einem Krematorium“ abgespielt hätten, versucht Schark, im selben Artikel bei der Leser*innenschaft auf die Tränendrüse zu drücken. Dass zur selben Zeit in den Vernichtungslagern im Osten die Krematorien tatsächlich auf Hochtouren liefen, dass die Deutschen bemüht waren, auch noch die letzten europäischen Jüdinnen und Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner*innen und viele andere wahnhaft zu ermorden, bleibt, warum auch immer, unerwähnt. Dass der Tod dieser Menschen eben nicht durch göttlich vorherbestimmte Ereignisse oder bloße Zufälle – also Schicksal – zustande kam, sondern durch konkrete politische Konstellationen, Entscheidungen und Handlungen, blendet sie in allen Artikeln aus. Deshalb wird bei ihr konsequenterweise aus jedem bei den Bombenangriffen getöteten Menschenleben ein Opfer. Schlussendlich bedeutet eine solche Beschreibung – wie ist das entlarvende Beispiel „War Stadtrat und engagierte sich für Soziales“ auch anders zu verstehen? –, dass auch bei den Bombenangriffen getötete NSDAP-Parteifunktionäre, SS-Männer, Blockwärte etc. so zu Opfern des Zweiten Weltkriegs werden.

Endlich auch Opfer sein dürfen

Mit ihrer einseitigen und gleichmacherischen Darstellung des Luftangriffs auf Freiburg ist Carola Schark bei der Badischen Zeitung nicht allein. Auch Stefan Hupka bemüht sich in einem Artikel aus dem Jahr 2004 zum 60. Jahrestag der Bombardierung darum, die Bombennacht losgelöst von allen historischen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen darzustellen.6 Er beschränkt sich in seiner „Auseinandersetzung“ auf die Sammlung von Zeitzeug*innen-Aussagen, ein probates Mittel, wenn es einem ausschließlich darum geht, Emotionen bei der Leser*innenschaft zu wecken. So verwundert es wenig, dass in dem Artikel allen Ernstes davon gesprochen wird, dass „der Zweite Weltkrieg, bis dahin weit weg, irgendwo im Osten oder Nordafrika – am 27. November 1944 […] plötzlich da [war], am Himmel über Freiburg.“ Vergessen scheint hier der Luftangriff auf Freiburg am 10. Mai 1940 durch die deutsche Luftwaffe oder die Deportation der jüdischen Bevölkerung am 22. Oktober desselben Jahres. Diese wurde zuerst in das französische Konzentrationslager Gurs verschleppt und später, ab August 1942, in die Vernichtungslager im Osten, hauptsächlich nach Auschwitz. Nicht nur für die Angehörigen der Deportierten dürfte die Beschreibung des 27. Novembers 1944 in Freiburg als „furchtbarste Nacht seiner Geschichte“ ein Schlag ins Gesicht sein. Aussagen wie diese passen zur in Deutschland heutzutage vorherrschenden Auffassung, dass nach der „vorbildlichen“ Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit die Deutschen nun ebenfalls endlich Opfer sein dürfen und letztendliche alle irgendwie gleichermaßen Opfer des Krieges seien, dieser gewissermaßen aus dem Nichts über Europa hereingebrochen sei. In diesem Zusammenhang dürften dann auch die zwei vom Herder-Verlag gestifteten Gedenksteinplatten vor dem Kollegiengebäude II der Universität Freiburg zu verstehen sein, die aus „Dank für die Bewahrung von Stadt und Münster am 27. November 1944 und im Gedenken an die Synagoge“ errichtet worden sind.

Der deutsche Täter-Opfer-Diskurs

Schark, der Rombach-Verlag und die Badische Zeitung stehen mit ihrer Version der Geschichte nicht alleine da. Überall in Deutschland wird der Zweite Weltkrieg zur beliebten Quelle nationaler Identität und deutschem Selbstbewusstsein. Grundlage ist dabei meist noch nicht einmal die vorgebliche moralische Überlegenheit der Deutschen wegen ihrer Auseinandersetzung mit Auschwitz, was als Projekt der nationalen Inszenierung als das „gute Deutschland“ à la Gauck schon abstoßend genug wäre. Im „guten Deutschland“ aber ist beim Blick auf die „eigenen“ Toten die Shoah zumeist ebenso wenig Thema wie die deutsche Gesellschaft der Jahre 1933-1945.7 Wie bei Stefan Hupkas Gerede von der „furchtbarste[n] Nacht“ erscheinen die alliierten Bombardierungen deutscher Städte überall, von Pforzheim bis Dresden, als ahistorische Ereignisse, welche durch die vielen Toten als der endgültige Beweis dienen sollen, dass die Deutschen selbst Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Die makabere Gleichsetzung deutscher Bombentoter mit den Opfern des deutschen Vernichtungskriegs und den Verfolgten des nationalsozialistischen Deutschlands ist dabei die Spitze der Ausblendung gesellschaftlicher und politischer Umstände. Im „besten Deutschland, das es je gab“ (Gauck) ist das einzig vorhandene historische Bewusstsein das, dass Krieg schrecklich ist. Nicht erst seit dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist dieser Krieg dabei etwas, das schicksalhaft einfach passiert, keinerlei Vorgeschichte hat und wobei man entsprechend danach fragen kann, ob die Toten „Stadtrat“ waren und sich „für Soziales“ engagierten – ohne danach zu fragen, was das im nationalsozialistischen Deutschland bedeutete. Im Gegenteil: Die historische Leistung soll gerade darin bestehen, das angeblich dysfunktionale „Täter-Opfer-Schema“ aufzubrechen, um endlich über das deutsche Leid sprechen zu können. Dass dieses Tabu ein herbei phantasiertes ist und die Deutschen seit Ende des Krieges sich, wo immer es ging, als die eigentlichen Opfer Hitlers, des Krieges und der Geschichte zu inszenieren versuchten, spielt dabei keine Rolle mehr.

Historische Einordnung

Dieser NS-Verkitschung, wie sie in der BRD gang und gäbe ist, gilt es ein Geschichtsverständnis entgegenzusetzen, das den 2. Weltkrieg und die Bombenangriffe auf Freiburg nicht zu einer Art Naturkatastrophe verklärt, sondern diese Ereignisse im historischen Kontext betrachtet und nach ihren tatsächlichen Ursachen fragt. Es ist daran zu erinnern, dass es die deutsche Luftwaffe war, die Flächenbombardements von zivilen Zielen ob in Guernica, Rotterdam oder Coventry erst als Mittel der Kriegsführung etablierte. Es ist daran zu erinnern, dass es Deutschland war, das einen Vernichtungskrieg bis dato nicht gekannter Brutalität vom Zaun brach, dem allein knapp 30 Million Staatsbürger*innen der Sowjetunion zum Opfer fielen. Die Bombardierungen deutscher Städte waren eine direkte Reaktion auf die deutsche Aggression. Sie sind letztlich das Resultat deutscher Handlungen. Die Bombardierung von deutschen Städten war eine militärische Strategie mit dem Ziel, die deutsche Terror- und Vernichtungsherrschaft über Europa zu brechen. Doch die deutsche Bevölkerung hielt in weiten Teilen trotz der ab Anfang 1943 absehbaren und ab Juni 1944 nicht mehr abwendbaren Niederlage fest zum Nationalsozialismus. Die Bombardements stellen einen Versuch der Alliierten dar, diese mörderische Allianz zu brechen. Jedoch zeigt die Tatsache, dass die Bombardements sich nicht in dem erhofften Maße auf den Kriegsverlauf auswirkten, nicht, dass diese falsch waren. Sie unterstreicht vielmehr den Fanatismus weiter Teile der deutschen Bevölkerung.
Natürlich sind bei den Luftangriffen nicht nur Unterstützer*innen des Nationalsozialismus ums Leben gekommen, was bedauerlich ist. Selbstverständlich lässt sich diskutieren, ob die Alliierten den Fanatismus der deutschen Bevölkerung unterschätzt haben und eine Konzentration auf militärische Ziele effektiver gewesen wäre. Man kann auch die Frage stellen, ob die – verglichen etwa mit der Belagerung Leningrads – geradezu rücksichtsvolle Behandlung deutscher Städte durch die Alliierten zu behutsam war. Es steht jedoch außer Frage, dass die Bombardements das Resultat des deutschen Vernichtungskriegs und der breiten Unterstützung des Nationalsozialismus waren. Auf dieser grundlegenden Bestimmung von Ursache und Wirkung muss jedes Geschichtsbild fußen.

Fazit

Im Jahr 2014 stehen wir an der Schwelle zu einer historisch neuen Situation; die letzten Überlebenden des Holocausts werden bald verstorben sein. Diesen Umstand nehmen die Deutschen zum Anlass, endlich mal wieder ihrem „gesunden“ Patriotismus zu frönen und die gleiche nationale Sache zu feiern, die heute kein Stück weniger widerwärtig ist, als sie es damals war. Damit einher geht der Versuch, die Geschichte des 2. Weltkriegs grundlegend umzudeuten. Die Luftangriffe auf Freiburg brechen aus einem scheinbar heiteren Himmel über den vermeintlich friedlichen und vom Krieg unberührten Breisgau hinein. Kein Wort von Deportationen, kein Wort vom Vernichtungskrieg, kein Wort von Auschwitz. Die Reaktionen auf den Nationalsozialismus und die Versuche, diesen niederzuringen, nicht seine unfassbaren Gräuel, werden als das ultimative Böse hingestellt. Die Krematorien in den Vernichtungslagern werden flugs in Freiburger Keller hinein phantasiert. Diesem Geschichtsbild, in dem niemand für irgendetwas verantwortlich ist und alle nur Opfer eines ungewollten, schrecklichen Zustandes sind, in dem das Prinzip „Ursache und Wirkung“ über Bord geworfen wird, gilt es entgegenzutreten.

Heute am 8. Mai jährt sich der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende des 2. Weltkriegs in Europa. Während man eigentlich davon ausgehen müsste, dass dies für jeden vernünftigen Menschen ein Tag zum Feiern ist, so gibt es auch tatsächlich noch heute Menschen, die diesen Tag als Niederlage empfinden. Wir, die Antifaschistische Initiative Freiburg, feiern heute das Überleben jener, die dem deutschen Vernichtungskrieg entkommen sind, und gedenken der Millionen Menschen, die der deutschen Raserei zum Opfer gefallen sind und aller, die, in welcher Form auch immer, zum Niedergang des Nationalsozialismus und seiner Helfer*innen beigetragen haben.

  1. Carola Schark ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte und gibt Sport- und Gymnastikkurse. [zurück]
  2. http://www.badische-zeitung.de/freiburg/aufruf-ich-will-mich-erinnern-dass-ich-nicht-vergessen-will [zurück]
  3. Im November 2012 schreibt Schark in der BZ in dem Artikel „Bomben auf den Friedhof“ nicht nur von „einer der schwärzesten“, sondern von „Freiburgs schwärzester Nacht“: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/bomben-auf-den-friedhof--66125537.html [zurück]
  4. http://www.badische-zeitung.de/freiburg/bombenangriff-auf-freiburg-im-november-1944-in-allen-ecken-hockt-das-grauen--77691739.html [zurück]
  5. http://www.badische-zeitung.de/freiburg/luftangriff-auf-freiburg-die-nie-geborgenen-opfer--38202033.html [zurück]
  6. http://www.badische-zeitung.de/freiburg/es-war-einmal-eine-stadt--38064543.html [zurück]
  7. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die „deutsche Gesellschaft“ war weder vor 1933 noch nach 1945 frei von völkischem Wahn und ist es auch heute nicht. [zurück]