Zur Kritik des Islamismus

Stellungnahme der Antifaschistischen Initiative Freiburg anlässlich des Auftritts des salafistischen Islamistenführers Pierre Vogel am 7. Juni 2014

Mit Pierre Vogel ist am Samstag eine der einflussreichsten Akteure der islamistischen und salafistischen Konvertitenszene zu Gast in Freiburg und wird auf dem Kartoffelmarkt eine Rede halten. Wir nehmen dies zum Anlass, Geschichte und Ideologie des Islamismus in der kapitalistischen Moderne kritisch zu beleuchten.
Der Salafismus ist eine der vielen Spielarten des Islamismus. Der Islamismus ist eine reaktionäre politische Ideologie, die in der Religion des Islam die politischen Rezepte wähnt, um die Menschen von den Zumutungen der kapitalistischen Moderne zu erlösen.

Der Aufstieg des Islamismus in den Entwicklungsdiktaturen der islamischen Welt
Der Islamismus ist nicht, wie viele meinen, eine „mittelalterliche“ Ideologie, sondern eine vergleichsweise junge politische Bewegung. Er entstand in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus der krisenhaften Konfrontation traditionell islamisch-geprägter Gesellschaften mit dem Kapitalismus, der in rücksichtslosem und atemberaubendem Tempo traditionelle vormoderne Gesellschaften transformierte. Dass die kapitalistische Moderne in den vornehmlich islamischen Teilen der Welt zu einem sehr großen Teil auch ökonomisch durchweg krisenhaft verlief, bescherte auch nach dem zweiten Weltkrieg jenen Kräften Zulauf, die in einer scheinbaren Rückbesinnung auf die traditionellen Werte vormoderner muslimischer Gesellschaften eine Antwort auf das Elend und die Entfremdung der Menschen im Kapitalismus suchten. Doch mit Duldung und Unterstützung der Supermächte hielten in den meisten Ländern Diktatoren und Regime mit brutaler Gewalt die islamistische Bewegung in Schach, jedoch ohne verhindern zu können, dass der Islamismus aufgrund der Perspektivlosigkeit vieler Menschen vielerorts zur größten politischen Massenbewegung heranwuchs. Beinahe jedes Mal wenn die unerträglichen Lebensverhältnisse in den autoritären Staaten der islamischen Welt für Protest und Unruhe sorgten, stellten sich Islamisten an die Spitze der Bewegung und beschworen damit die Gefahr herauf, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Der Iran, wo die bestialische Diktatur des Schah beendet wurde, nur um danach durch die blutige Herrschaft der Mullahs ersetzt zu werden, bleibt bis heute ein warnendes Beispiel.
Auch im sogenannten „Arabischen Frühling“ seit 2011 spielten und spielen islamistische Kräfte eine entscheidende Rolle und konnten aufgrund der Verankerung in weiten Teilen der arabischen Gesellschaften nach dem Fall der autoritären Regime große Wahlerfolge feiern. So übernahmen beispielsweise in Ägypten die Muslimbrüder zusammen mit anderen islamistischen Kräften die Macht und wollten eine Verfassung nach den „Grundsätzen der Sharia“ einführen. Inzwischen wurde die Herrschaft der Muslimbrüder allerdings wieder durch einen Putsch des Militärs beendet.

Die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft durch den Tugendterror des Gottesstaates
Die islamistische Bewegung ist ausgesprochen heterogen und untereinander zerstritten: Es ist absurd, Gruppen wie Boko Haram und die türkische AKP gleichzusetzen. Doch was Islamisten weltweit verbindet, ist eine Ablehnung der bürgerlichen Gesellschaft nach westlichem Vorbild und das Ziel, diese durch einen Gottesstaat zu ersetzen, in denen die jeweilige Interpretation des Islam über Gesetze entscheidet und nicht der Wille von Menschen: Die fundamentale Idee des Islamismus ist die Ablehnung der menschlichen Freiheit, die Gesellschaft nach menschlichen Vorstellungen zu organisieren. Damit ist jede*r Islamist*in automatisch Antikommunist*in, denn von den unmenschlichen Sachzwängen des Kapitalismus zu einer wahrhaft menschlichen Gesellschaft zu kommen, ist das Projekt, dem sich der Kommunismus verschrieben hat.
Auch wenn Islamist*innen häufig mit Fug und Recht in Anspruch nehmen können „antikapitalistisch“ zu sein, sind sie Feinde der Linken und aller Ideale, auf die sich die Linke berufen kann: Die kapitalistische Gesellschaft soll nicht zur Befreiung des Individuums überwunden werden, sondern, ganz im Gegenteil, um den einzelnen Menschen in ein unerträgliches Zwangskorsett aus religiös begründeten Regeln zu stecken: Homosexuelle, Frauen und Andersgläubige werden diskriminiert, brutale Körperstrafen für Bagatelldelikte gefordert und der Konsum von Rauschmitteln wie Alkohol eingeschränkt oder ganz verboten. Die Trennung zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Gesellschaft wird mit dem Argument aufgehoben, dass letztere ja nur Gottes Willen vollstrecke.
Eine zentrale Bedeutung in den Erklärungsmustern der islamistischen Ideologie nimmt der Antisemitismus ein. Bestimmte Erscheinungsformen des Kapitalismus wie Individualität oder Kommerz werden mit dem Judentum im weitesten Sinne gleichgesetzt und als materialistisch-egoistische Weltordnung bekämpft. Mit dem Verweis auf die gefälschten „Protokollen der Weisen von Zion“ werden die Juden beispielsweise für französische Revolution und Oktoberrevolution verantwortlich gemacht. Die UN wird im anti-jüdischen Wahn des Islamismus zum Instrument jüdischer Weltbeherrschungspläne gemacht.

Der Islamismus ist ein Paradebeispiel für falsche Kapitalismuskritik: Statt in einer Analyse das Wesen und die Funktionsweisen des Kapitalismus zu ergründen, findet eine Projektion seiner Mißstände auf eine Gruppe statt. Das Ziel des Islamismus ist zwar die Auflösung der Widersprüche, mit denen der Mensch im Kapitalismus konfrontiert wird, allerdings zugunsten einer Theokratie und damit Barberei, die lediglich eine neue Art der Unfreiheit mit sich bringen würde.

Keinen Fußbreit den Islamisten.
Islamisten haben insofern Recht, als dass der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft nicht so frei ist, wie die Befürworter*innen des Kapitalismus immer behaupten. Doch was ihnen vorschwebt, ist das Elend des Kapitalismus durch den Tugendterror einer Religion zu ersetzen – das ist das Gegenteil von Befreiung.
Der Islamismus ist eine reaktionäre Krisenideologie, die der kapitalistischen Moderne eine Horrorvision entgegensetzt, in der die Rechte des Individuums nichts mehr gelten. Den Islamismus zu bekämpfen und seine falsche Kritik zu entlarven, ist selbstverständliche Aufgabe aller an Emanzipation interessierten Menschen.

Daher muss, wo radikale Islamisten auftauchen, diesen entgegengetreten werden. Also, wenn ihr nach oder neben der Love or Hate Parade noch Zeit habt: Geht hin, provoziert, stört, irritiert! Er spricht ab 14 Uhr am Kartoffelmarkt in der Innnenstadt.

Für eine antikapitalistische Perspektive ohne Mythen und Religion.
Für die Freiheit aller Menschen.
Für den Kommunismus.